Dein eigener Weg
Wie Ausbilder Björn Azubis stark fürs Leben macht

Ausbildung beginnt mit dem Menschen.
Warum jeder Mensch anders lernt
Für Björn Köpp beginnt Ausbildung nicht mit reinen Arbeitsabläufen, sondern mit dem Menschen. Seine Philosophie bei HANS NATUR: Erst wenn man versteht, wie jemand lernt, kann man Wissen nachhaltig vermitteln. Hier erzählt er, wie genau er das im Alltag umsetzt.
Wer bist du?
Wenn ein Azubi bei uns anfängt, geht es für mich erst einmal gar nicht um die Logistik. Ich möchte den Menschen kennenlernen. Wie geht es ihm? Fühlt er sich wohl? Gibt es etwas, wobei wir ihn unterstützen können? Erst danach schaue ich auf das Fachliche.
Ich hatte schon immer eine etwas andere Philosophie von Ausbildung. Für mich ist ein Auszubildender keine billige Arbeitskraft und auch keine vollwertige Arbeitskraft, die vom ersten Tag an funktionieren muss. Er ist hier, um zu lernen. Und dafür muss ich mir Zeit nehmen.
Deshalb beobachte ich am Anfang viel. Ich schaue, wie jemand an Aufgaben herangeht, wo Unsicherheiten liegen und was bereits gut gelingt. Manche lernen schnell, wenn man ihnen etwas erklärt. Andere brauchen Bilder. Wieder andere müssen Dinge erst selbst erleben, bevor sie sie wirklich verstehen. Erst wenn ich weiß, wie jemand lernt, kann ich ihn dort abholen, wo er gerade steht.
Ein Faden und viele Paletten
Eine Auszubildende hatte in der Berufsschule Schwierigkeiten mit einer Aufgabe zur Stapelhöhe von Paletten. Die Rechnung an sich war gar nicht das Problem. Ihr fehlte das Bild dazu. Begriffe wie Höhe, Breite oder „lotrecht“ blieben für sie abstrakt.
Also sind wir gemeinsam ins Lager gegangen. Wir haben Paletten aus dem Regal geholt und uns erst einmal angeschaut: Was ist überhaupt Länge? Was ist Breite? Was ist Höhe? Als sie mit dem Begriff „lotrecht“ trotzdem nichts anfangen konnte, habe ich einen Faden genommen, unten ein Gewicht befestigt und sie mit dem Staplerkorb ein Stück nach oben gefahren.
„Jetzt hältst du den Faden einfach fest.“ Das Gewicht zeigte gerade nach unten. Auf einmal war lotrecht kein Begriff aus dem Unterricht mehr. Sie konnte sehen, was damit gemeint ist. Danach haben wir einen Palettenstapel ganz bewusst aus dem Lot gebracht. Plötzlich wurde sichtbar, wann ein Stapel kritisch wird, warum es einen Kipppunkt gibt und weshalb bestimmte Stapelhöhen vorgeschrieben sind.
Anschließend haben wir die Aufgaben aus der Berufsschule noch einmal gerechnet. Und auf einmal funktionierte es. Man konnte ihr ansehen, dass etwas passiert war. Die Unsicherheit verschwand. Ich habe zwischendurch immer wieder kleine Berechnungen eingebaut und plötzlich kamen die Antworten ganz selbstverständlich. Genau deshalb versuche ich immer herauszufinden, wie jemand lernt. Mir bringt es nichts, wenn jemand eine Formel auswendig kennt, sie aber nicht versteht. Wenn Theorie und Praxis zusammenkommen, bleibt viel mehr hängen. Irgendwann macht es einfach Klick.
Du kannst das
Für mich reicht es nicht, wenn Auszubildende Arbeitsabläufe kennen. Sie sollen verstehen, warum sie wichtig sind. Deshalb bekommen unsere Auszubildenden möglichst früh eigene Projekte.
Unsere derzeitige Auszubildende hat gemeinsam mit ihrer Betreuerin ein Hochbeet für die Terrasse vor unserer Küche geplant. Sie musste Materialien auswählen, Kosten kalkulieren, verschiedene Abteilungen einbeziehen und das gesamte Projekt anschließend der Geschäftsleitung vorstellen. Vor der Präsentation hatte sie großen Respekt. Nicht die Geschäftsleitung machte ihr dabei Sorgen. Es war die Vorstellung, vor anderen Menschen zu sprechen und etwas Falsches zu sagen.
Für mich war deshalb gar nicht das Hochbeet das eigentliche Ziel. Mein Ziel war, ihr Selbstvertrauen zu stärken und ihr diese Angst zu nehmen.
Wir haben deshalb die Präsentation gemeinsam geübt. Immer wenn ich gemerkt habe, dass sie ins Stocken gerät, habe ich ihr nur einen kleinen Impuls gegeben. Einen Satzanfang. Ein Stichwort. Mehr brauchte es oft gar nicht. Dann fand sie ihren Faden wieder. Mit jedem Durchgang wurde sie sicherer.
Als der Tag der Präsentation kam, war die Aufregung zwar noch da – aber sie hat sich getraut. Sie stellte ihr Projekt erfolgreich der Geschäftsleitung vor und erhielt schließlich grünes Licht für die Umsetzung.
Danach ging es an die praktische Arbeit. Gemeinsam mit ihrer Betreuerin besorgte sie das Material, bereitete alles vor und baute das Hochbeet Schritt für Schritt auf der Terrasse vor unserer Küche auf. Wir haben sie dabei unterstützt, wenn sie Hilfe brauchte. Den größten Teil hat sie aber selbst gemacht.
Als es fertig war, haben sich viele Kolleginnen und Kollegen darüber gefreut.
Ich habe mich über etwas anderes gefreut.
Über eine junge Auszubildende, die gemerkt hat:
Ich kann das.
Fehler sind wichtig
Zu einer Ausbildung gehört für mich auch, Fehler machen zu dürfen. Ich sage meinen Auszubildenden immer: „Du musst auch Fehler machen. Nur durch Fehler lernt man.“
Natürlich gibt es Grenzen. Sobald das Gefährdungspotenzial und die Arbeitssicherheit eine Rolle spielen, greife ich sofort konsequent ein. Wenn lebenswichtige Regeln missachtet werden – wie das Fahren mit Staplerzinken auf gefährlicher Knöchelhöhe oder das Vergessen der persönlichen Schutzausrüstung –stoppe ich den Ablauf. Da wird so lange geübt, bis es verinnerlicht ist.
Aber viele andere, unkritische Fehler dürfen erst einmal passieren. Nicht, um jemanden auflaufen zu lassen. Sondern damit der Auszubildende selbst erkennt, dass etwas nicht stimmt. Ich frage dann oft nur: „Ist dir gerade etwas aufgefallen?“ Gemeinsam gehen wir den Ablauf noch einmal durch. Häufig finden die Auszubildenden den Fehler selbst. Und genau das bleibt viel besser im Gedächtnis, als wenn ich sofort die Lösung verrate.
Mir ist wichtig, dass sie verstehen, warum etwas so gemacht wird. Nicht einfach nur: „Das ist falsch.“ Sondern: Was passiert eigentlich, wenn wir den Fehler nicht bemerken?
Ein kleines Beispiel reicht oft schon. Wenn ein Paket nicht richtig verpackt wird und beschädigt beim Kunden ankommt, entsteht aus einem kleinen Fehler schnell ein großer Aufwand. Der Kunde meldet sich bei uns, Kolleginnen und Kollegen kümmern sich um die Reklamation, der Versanddienstleister wird eingebunden und viele Menschen beschäftigen sich mit einem Problem, das sich oft mit wenigen Sekunden mehr Sorgfalt hätte vermeiden lassen. Wenn man diese Zusammenhänge versteht, bekommt auch eine vermeintlich kleine Aufgabe eine ganz andere Bedeutung.
Dein eigener Weg
Es gibt in der Ausbildung immer wieder Momente, die einem zeigen, dass sich etwas entwickelt hat.
Vor Kurzem stand einer unserer Auszubildenden an der Warenannahme. Ein Lkw setzte gerade zurück. Mit einem Mal rief der Auszubildende so laut, dass sich alle erschrocken umdrehten.
So laut zu rufen ist eigentlich überhaupt nicht seine Art. Er ist eher ruhig und zurückhaltend. Er war sehr aufmerksam und hatte etwas gesehen, was den anderen in diesem Moment entgangen war: Ein Praktikant der Spedition war hinter den Lkw in den toten Winkel gelaufen.
Für mich hat unser Azubi in diesem Moment genau richtig reagiert. Er hat die Gefahr erkannt, sofort gehandelt und den Fahrer gestoppt, bevor etwas passieren konnte. Das war ein besonderer Moment. Nicht wegen des lauten Rufes, sondern weil ich gemerkt habe: Er hat Verantwortung übernommen. Ganz selbstverständlich.
Genau darum geht es mir in der Ausbildung.
Irgendwann sollen die Auszubildenden nicht mehr darauf warten, dass ich ihnen sage, was sie tun müssen. Sie sollen selbst erkennen, wenn etwas nicht stimmt und Verantwortung übernehmen. Ich erkläre es ihnen immer so:
Wir sind wie ein kompliziertes Uhrwerk. Vielleicht ist der eine ein großes Rädchen und der andere ein kleines. Aber jedes kleine Rädchen führt dazu, dass das große läuft. Wenn das kleine hakt, blockiert das ganze System.
Bereit fürs Leben
Durch die Arbeit mit jungen Menschen habe ich selbst viel gelernt. Vor allem Geduld. Nachsicht. Und Empathie. Ich habe gelernt, nicht mein eigenes Empfinden für Leistung als Maßstab zu nehmen. Jeder Mensch lernt anders und jeder bringt seine eigenen Voraussetzungen mit.
Früher hätte ich vielleicht gedacht: So würde ich das machen. Heute frage ich mich: Wie kann ich diesen Menschen dabei unterstützen, seinen eigenen Weg zu finden?
Natürlich freue ich mich, wenn jemand die Ausbildung erfolgreich abschließt. Aber stolz bin ich oft schon viel früher.
Wenn ich merke, dass jemand selbstbewusster wird.
Wenn aus Unsicherheit plötzlich Selbstvertrauen entsteht.
Wenn ich nicht mehr alles erklären muss.
Oder wenn ein Auszubildender in einer Situation wie an der Laderampe ganz selbstverständlich Verantwortung übernimmt.
Ich erwarte keine Raketenphysiker. Ich wünsche mir junge Menschen, die Lust haben zu lernen, Fragen stellen und auch bei Gegenwind am Ball bleiben. Alles andere entwickeln wir gemeinsam. Am Ende geht es mir darum, dass sie nicht nur einen Abschluss in den Händen halten, sondern ihr Leben eigenständig organisieren und krisenfest meistern können – im Beruf wie im Privaten. Und ich finde es großartig, dass HANS NATUR hinter genau dieser Philosophie steht.